Das Telefon klingelt.

„Ja, hallo? Hier bei Goosenbach?“

„Hallo, hier ist Fritz Müller … oben, vom Waldbahnhof. Du weißt schon … ähm, spreche ich mit Samuel?“

„Ja, na klar. Alles okay?“

„Alles gut, soweit. Mir fiel gestern ein, dass ihr schon lange nicht mehr da gewesen seid. Da wollte ich dich und deine Freunde gerne einmal zu Plätzchen und Tee einladen. Ich … würde euch gern eine Geschichte erzählen.“

„Das klingt super. Wäre 15 Uhr okay?“

„Ja, das ist eine gute Zeit. Also bis heute Nachmittag.“

Punkt 15 Uhr betätigt Dominik aufgeregt die Türglocke.

„Kumpel, übertreib’s mal nicht“, mahnt ihn Samuel. „Der alte Mann ist doch kein Schnellzug.“

Inzwischen kannten sie das Geräusch, das Herr Müller machte, wenn er mit seinem Stock die alte Holztreppe hinunter humpelt. Kaum hatte er die Tür geöffnet, sprang sein kleiner Hund hinaus, rannte um die Kids und wedelte fröhlich mit dem Schwanz.

„Na, mein kleiner?“ Sarah bückt sich und krault ihn hinter den Ohren.

„Schön, dass ihr da seid. Na, dann kommt doch mal rein. Ich hab da etwas vorbereitet.“

Sarah, Samuel, Paul und Dominik steigen erwartungsvoll die knarzende Holztreppe hinauf.

„Hmmm … was duftet denn hier so lecker?“ Dominik schleckt sich die Lippen ab.

Herr Müller öffnet die Wohnzimmertür. „Macht es euch bequem. Ich komme gleich nach.“

Kurze Zeit später humpelt er von der Küche ins Wohnzimmer. In der einen Hand hält er ein Tablett und hat Mühe, sich mit der anderen auf seinem Gehstock abzustützen.

„Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ Samuel springt auf, nimmt ihm das Tablett ab und hilft ihm in den Sessel.

„Ufff“, seufzt der alte Mann. Er rückt seine Brille zurecht und murmelt, „Ich werde wohl auch nicht jünger.“

„Man ist so alt, wie man sich fühlt“, meint Dominik dazu.

„Öhm … nun ja“, räuspert Herr Müller sich und lächelt verlegen. „Wenn ihr so freundlich wärt – in der Küche steht noch eine Teekanne.“

„Aber klar doch.“ Paul macht sich auf den Weg und bringt den Tee und einen Stapel Gläser mit.

Herr Müller spricht ein kurzes Dankgebet. Dann zeigt er auf den großen Plätzchenteller und sagt: „Bitte, lasst es euch schmecken!“

„OOhhh, endlich!“ jappst Dominik und stopft sich gleich drei Plätzchen auf einmal in den Mund.

Sarah schüttelt den Kopf und grinst. „Man könnte glatt meinen, du kriegst zuhause nix ab.“

„Hm?“ Mit vollen Backen brabbelt er: „Wpfieso?“

„Echt jetzt?“ Samuel hebt die Augenbrauen und zeigt auf Dominiks Mund.

„Oh. Ähm“, schnell kaut er fertig und schluckt alles runter. „Tschuldigung.“

Während Herr Müller das fröhliche Treiben lächelnd beobachtet, geht Sarah mit der Teekanne reihum und schenkt allen etwas zu trinken ein.

Auf einmal setzt er eine ernste Miene auf und sagt leise: „Das bringt mich zu der Geschichte, die ich euch erzählen möchte. Es ist schön, dass wir heutzutage so gut versorgt sind – mit Essen und Trinken. Dafür bin ich sehr dankbar.“ Jetzt schaut er auf Dominik. „Und natürlich darfst du weiter essen. Ich freue mich, dass es dir schmeckt.“

Schon greift Dominik nach dem nächsten Plätzchen und lacht dabei. „Die sind einfach zu lecker.“

Dann fährt Herr Müller fort. „Wisst ihr, es gab einmal eine Zeit, in der die Dinge … anders standen. Davon möchte ich euch erzählen. Es ist eine … wahre Geschichte.

* * *

Es war einmal vor langer Zeit, dass ein kleiner Junge – nennen wir ihn … Fritz – gerade von der Schule kam und nach Hause schlenderte. Er hatte keine Eile, obwohl seine Familie ihn dringend erwartete. Es war einer dieser kalten, trostlosen Dezembertage, an denen man lieber drin vor dem Kamin sitzt, als draußen unterwegs zu sein.

Gemächlich durchquerte Fritz den kahlen Wald. Die Bäume hatten ihre Blätter längst verloren und eine dünne Schneeschicht ließ den kommenden Winter erahnen. Unter seinen Füßen knirschte das gefrorene Laub. Er blieb kurz stehen und betrachtete den Rauch, den sein Atem in der kühlen Luft erzeugte. Es dauerte nicht lang, dass er den Rand eines kleinen Feldes erreichte. Wieder hielt er inne. Mit gemischten Gefühlen schaute er über das Feld, zu dem Haus auf der anderen Seite. In diesem kleinen Holzhäuschen lebte er mit seiner Mutter, seinen beiden Brüdern, seiner Schwester und … eigentlich auch mit seinem Vater. Nur hatte er ihn schon lange nicht mehr gesehen. Fritz setzte sich auf einen der Holzpfosten, mit denen das Feld umrandet war und starrte auf den gefrorenen Ackerboden. Vor ein paar Jahren begann der Krieg. Alle Männer mussten sich als Soldaten verpflichten. Auch sein Vater musste gehen. Seit Monaten kein Lebenszeichen von ihm.

Langsam, aber sicher schwand die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Ob Fritz überhaupt noch damit rechnete, dass sein Vater jemals zurückkehren würde? Was, wenn er … ?“

* * *

Gedankenverloren wirft Samuel einen Blick nach draußen und bemerkt, dass es langsam dunkel wird. Herr Müller macht eine Pause und nimmt einen Schluck Tee.

„Wie geht’s weiter?“ forscht Paul ungeduldig nach.

„Das, meine Freunde, werde ich euch gern am nächsten Sonntag erzählen. Schaut, es wird schon dunkel. Ich glaube, ihr solltet für heute wieder nach Hause gehen. Aber … zum dritten Advent seid ihr gern wieder eingeladen.“

„Na, da bin ich aber gespannt.“

Die vier Freunde verabschieden sich und gehen gemeinsam nach Hause. Unterwegs diskutieren sie angeregt über die Geschichte, die Herr Müller zu erzählen begonnen hat. Sie sind schon gespannt auf den nächsten Sonntag.

 

Fortsetzung folgt …


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