Die letzte Woche ging so schnell vorbei, dass Dominik glatt vergaß, dass schon wieder Sonntag ist und sie wieder bei Herrn Müller eingeladen sind.

Es klingelt an der Haustür und seine drei Freunde stehen draußen.

„Dominik? Kommst du mal bitte?“ ruft seine Mutter nach ihm.

Gedankenversunken geht Dominik zur Haustür und schaut wer da ist.

„Können wir?“ fragt Samuel ungeduldig.

Dominik runzelt die Stirn. „Was meinst du?“

„Ähm, hallo? Wir gehen jetzt wieder zu Herrn Müller. Schon vergessen?“

„Ach du Schreck!“ Dominik klatscht sich an die Stirn. „Das hab ich total übersehen. Moment, ich geb meiner Mutter schnell Bescheid und zieh mich an.“

Als die vier Freunde oben am Bahnhof ankommen, nimmt Sarah ein mulmiges Gefühl wahr. „Hm.“

Paul schaut sie verdutzt an. „Alles okay bei dir?“

Sarah schaut erst Paul an, dann das Haus. „Ich … weiß nicht recht.“

Dominik klingelt.

Es dauert eine Weile, bis Herr Müller die Treppe hinabgestiegen ist und die Tür öffnet. „Ah, hallo. Schön, dass ihr es wieder einrichten konntet.“

Als sie zur Wohnung hinaufgehen, ist irgendetwas anders.

„Herr Müller, geht es Ihnen nicht gut?“ fragt Samuel besorgt.

Der alte Mann schnauft. „Ach, du meinst, weil ich heute nicht der Schnellste bin? Tja … ich weiß auch nicht. Es geht mir seit gestern nicht so gut.“

„Sollen wir dann lieber wieder gehen, damit Sie sich ausruhen können?“ bietet Paul höflich an.

„Nein, nein. Bleibt bitte. Ihr seid mir eine angenehme … Ablenkung.“

„Ablenkung? Wofür denn?“ Dominik schüttelt den Kopf langsam. Dann trifft ihn die Erkenntnis wie ein Blitzschlag. „Wo ist denn Ihr Hund?“

Plötzlich muss der alte Mann mit den Tränen kämpfen. Er schnieft und murmelt kaum verständlich: „Er … er ist krank. Ich musste ihn gestern abholen lassen.“

Sarah wagt kaum zu fragen, tut es aber doch. „Wo … ist er jetzt?“

„Beim Arzt. Sie wissen noch nicht, was es ist.“

„Oh, das tut mir aber leid“, sagt Sarah einfühlsam und umarmt Herrn Müller.

„Schon gut. Ich möchte euch trotzdem gern den nächsten Teil meiner kleinen Geschichte erzählen.“

Neugierig setzen sich die Kids auf das große Sofa, Herrn Müller gegenüber und lauschen.

„Erinnern wir uns“, begann der alte Mann zu erzählen und schaute dabei nachdenklich aus dem Fenster. „Der Bürgermeister und Herr Knorz, der Landbesitzer, hatten die Familie besucht, mit dem Ergebnis, dass Herr Knorz wütend verschwand und die Zahlung der offenen Pachtgebühren nicht aufschieben lassen wollte.

 

* * *

Mit einem drückenden Gefühl in der Magengegend, schlich Fritz zu seiner Mutter ins Schlafzimmer. „Mutter, geht es dir wieder schlechter?“

Blass im Gesicht, schaute sie ihren Sohn an. Mit leiser Stimme sagte sie: „Fritz, wir müssen uns der Realität stellen. Wir …“ Plötzlich musste sie husten. „Wir müssen unser Haus vielleicht verkaufen. Ich bin zu schwach, um die Näharbeiten zu schaffen und deine Schwester ist noch nicht so weit.“

„Doch, natürlich kann ich nähen“, antwortete Maria.

„Ach Schwesterchen“, seufzte Fritz‘ Bruder Ernst. „Du bist zehn Jahre alt. Du kannst noch nicht so gut nähen.“

"Kann ich doch!" antwortete sie trotzig.

„Kinder, bitte … streitet euch nicht“, bat Mutter mit zittriger Stimme. „Das strengt mich zu sehr an. Außerdem hat Herr Knorz durchaus das Recht, die Pacht einzufordern oder uns vor die Tür zu setzen, wenn wir nicht zahlen können. Er …“

Noch ehe sie weiterreden konnte, stapfte Fritz verärgert aus dem Schlafzimmer. Er schnappte sich seine Mütze und verließ das Haus. Draußen lehnte er sich an die Hauswand an und ließ seinen Blick über das kleine gefrorene Feldstück schweifen. „Wenn ich den Boden doch nur locker bekommen könnte“, dachte er.

Da kam sein Bruder Ernst hinterher. „Hier bist du. Hab mir schon Sorgen gemacht.“

„Hmpf“, war alles, was Fritz von sich gab.

„Komm! Gehen wir ein Stück“ schlug Ernst vor.

Gemeinsam schlenderten sie durch den nahen Wald, in Richtung des kleinen Waldsees.

„Weißt du, wenn Vater hier wäre, würde er bestimmt eine gute Lösung für unser Problem finden“, murmelte Ernst.

„Ist er aber nicht“, knurrte Fritz.

„Weiß schon. Aber sag mal, was ist eigentlich mit dir los? Sonst ist doch Bernhard immer der mürrische von uns drei Brüdern. Aber heute hab ich das Gefühl, dass du derjenige bist, den man bremsen muss.“

„Mein lieber Ernst. Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, ich bin der älteste von uns Jungs. Gewissermaßen der Mann im Haus. Ich muss mich kümmern, irgendwie. Das macht mich fertig. Außerdem ist Hardy bis morgen unterwegs. Also kann ich problemlos sein Rolle übernehmen, nicht?“

„Meine Güte, du bist doch auch erst fünfzehn. Niemand verlangt von dir, unseren Vater zu ersetzen“, gab Ernst entrüstet zurück.

„Ach nein? Wer kümmert sich um Saat und Ernte? Wer schafft das Essen herbei? Wer repariert das Dach? Wer? Ich!“

Ernst verschränkte die Arme und seufzte. „Ja, schon gut. Hast ja recht.“

"Na ja ... obwohl ... so ganz stimmt das ja auch nicht. Bernhard ist zwar häufig ne ziemliche Nervensäge, aber verkaufen kann er. Auch wenn er erst 14 Jahre alt ist. Keine Ahnung wie der das macht. Aber jedes Mal wenn er seine Runde in der Gegend dreht, kommt er mit einem Haufen Nähaufträgen zurück, die unsere Mutter dann abarbeiten kann. So kommt Geld rein. Hm ... jedenfalls bisher."

Plötzlich zerriss ein Schrei die Stille.

„Ruft da jemand?“ Fritz hob den Kopf und horchte. „Da, schon wieder. Das klingt, als riefe jemand um …“

„… Hilfe!“

Nun versuchten sie beide etwas genauer hinzuhören, um herauszufinden aus welcher Richtung die Hilferufe kämen. Da war es wieder. Da rief jemand um Hilfe.

„Ich glaube, das kommt von da drüben, vom See. Los, nichts wie hin!“

Die beiden Jungs rannten quer durch den Wald über den gefrorenen Waldboden. Dabei wäre Ernst fast auf einer kleinen Eispfütze ausgerutscht. Als sie endlich am See ankamen, entdeckten sie auch schnell den Grund der Hilferufe. Einige Meter vom Ufer entfernt, war jemand ins Eis eingebrochen und versuchte sich verzweifelt aus dem Wasser zu retten.

„Hilfe, Hilfe!“

Als Fritz und Ernst näherkamen, erkannten sie, dass es ein Mädchen war. Und zwar nicht nur irgendeins.

„Ist das Helene?“

„Glaub schon. Geschieht ihr recht, dieser kleinen fiesen Zicke“, knirschte Ernst.

Fritz holte einmal tief Luft. „Ich sag’s nicht gern aber … wir müssen ihr helfen.“

„Ist das dein Ernst? Du weißt doch genau, wie sie immer ist. Nur weil sie die Tochter des Landbesitzers Knorz ist, führt die sich immer auf, wie Bolle. Erst gestern hat sie …“

„Schluss!“ rief Fritz mit Nachdruck. „Du wirst deine Befindlichkeiten jetzt zurückstellen und Menschlichkeit beweisen. Verstanden?“

Widerwillig nickt Ernst. „Und wie willst du ihr helfen? Wenn wir auch noch auf die Eisfläche rauslaufen, erwischt es uns am Ende selbst.“

„Stimmt.“ Fritz denkt angestrengt nach und schaut sich um. „Los! Hilf mir mal!“ Fritz griff nach einem mitteldicken Baumstamm. Gemeinsam mit seinem Bruder transportierte er ihn zum Ufer. „Wir brauchen noch einen.“ Gesagt, getan.

„Hilfe! So helft mir doch!“ rief das Mädchen unentwegt.

„Ja doch, beruhige dich! Wir arbeiten dran“, antwortete Ernst genervt. Zu seinem Bruder gewandt, fragte er: „Und nun?“

„Jetzt suchst du einige kleinere Äste, etwa armdick. Ich kümmere mich um Reisig und lange Zweige. Hoffentlich finde ich noch etwas, das nicht knochenhart gefroren ist. Das würde sonst nur zerbrechen.“

„Ach, jetzt kapier ich. Du willst eine Leiter bauen.“

Sie legten die beiden Baumstämme mit etwas Abstand nebeneinander. Dann platzierten sie die kleinen Äste mit etwas Abstand dazwischen auf den Stämmen und banden schließlich mit dem Reisig und den Zweigen alles zusammen.

„So, das muss reichen“, keuchte Fritz.

„Allerdings. Lange hält sie bestimmt nicht mehr durch.“

„Dann los, ab aufs Eis damit.“ Vorsichtig bugsierten sie ihre notdürftig gezimmerte Leiter auf das Eis. Dann kroch Fritz darauf, legte sich flach hin und rief seinem Bruder zu: „Los, Ernst! Schieb mich langsam vorwärts!“

Zentimeter für Zentimeter schob Ernst seinen Bruder vorwärts. Er schob und drückte und ächzte. „Mann, bist du schwer. Uff …“

„Hilfe! Ich … blubb blubb …“ Das Mädchen verließen die Kräfte und es verschwand im Wasserloch.

Doch gerade in diesem Augenblick hatte Fritz sie erreicht, griff nach ihrer Hand und zog sie mit aller Kraft wieder nach oben. „Hab dich!“

„Ahhh, brrrr …“ Das Mädchen hustete und zitterte am ganzen Körper.

„Helene, klettere an mir hoch. Los!“ Fritz versuchte ihr hochzuhelfen, und musste dabei aufpassen nicht selbst abzurutschen. Die Baumstammleiter war ziemlich wacklig. Doch schließlich schafften sie es. „Klettere vorsichtig über mich drüber, nach hinten. Dann legst du dich flach auf das Eis und kriechst ans Ufer zurück. Verstanden?“

Wortlos nickte sie und kroch unsicher über Fritz‘ Rücken. Dabei rutschte sie einmal fast ab. In diesem Moment begann das Eis unter ihnen zu knirschen.

„Mach schnell!“ rief Fritz.

Während sie über ihn hinwegkletterte, konnte Fritz beobachten, wie unter ihm kleine Risse in der Eisdecke entstanden. Sein Puls stieg immer weiter an. Endlich hatte Helene es geschafft und kroch zaghaft zum Ufer. Dort wartete Ernst bereits auf sie und streckte ihr die Hand entgegen. Gerade als Fritz sich auf der Baumleiter umdrehen wollte, knirschte es wieder unter ihm.

„Sei vorsichtig!“ rief Ernst ihm vom Ufer zu.

„Langsam. Gaaanz langsam“, murmelte Fritz vor sich hin. Jede seiner Bewegungen, schien einen neuen Riss im Eis zu verursachen. Jetzt hatte er das hintere Ende der Baumstämme erreicht. Vorsichtig hob er sein Bein herunter und wollte sich aufs Eis begeben. Dabei rutschte er weg und stieß einen der Baumstämme weg, dessen Verbindung riss und mit voller Wucht an den anderen knallte. Auf der anderen Seite der Baumstämme begann das Eis zu brechen.

„Jetzt komm endlich!“ schrie Ernst. „Das Eis hinter dir bricht gleich.“

„Ich versuch’s ja“, gab Fritz aufgeregt zurück. Er legte sich flach hin und kroch zum Ufer, so schnell er konnte.

Endlich hatte er es geschafft. Ernst half ihm hoch und umarmte ihn ungestüm. „Meine Güte. Ich hatte echt gerade befürchtet, dass du … ach was. Alles gut gegangen.“

Fritz schüttelte sich und klopfte sich den Schmutz von der Kleidung, als er bemerkte, wie Helene zitternd am Ufer saß und auf den See starrte. Er zog seine Jacke aus und legte sie Helene auf die Schultern. „Na komm schon. Wir bringen dich erst einmal zu uns nach Hause. Das ist näher als dein Haus.“

Gemeinsam machten sich die drei auf den Weg.

 

* * *

Voller Spannung saßen Paul, Sarah, Dominik und Samuel da und warteten. Doch Herr Müller holte einmal tief Luft und plötzlich sah er richtig erschöpft aus. Diese Geschichte zu erzählen, strengte ihn offensichtlich sehr an. Dennoch wollte er sie unbedingt erzählen. Doch für heute sollte es genug sein. Das war allen Anwesenden klar. Die Kinder verabschiedeten sich und freuten sich bereits auf die nächste Woche, in der die Geschichte ihr Ende finden sollte.

 

Fortsetzung folgt…


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