Wie vereinbart, treffen sich Paul, Sarah, Dominik und Samuel wieder bei Herrn Müller und lauschen gespannt der Geschichte, die Herr Müller nun weitererzählt.

„Also“, beginnt Herr Müller. „Wo waren wir? Ach ja … Fritz saß da und dachte nach und grübelte.

* * *

Noch ehe er seine schweren Gedanken fortführen konnte, lenkte ihn etwas ab. Gerade kam eine Pferdekutsche angefahren und hielt vor dem Haus.

Zwei Männer stiegen aus und betraten die kleine Treppe, die zur Eingangstür des Hauses führte. Einer der beiden klopfte mehrmals an die Tür bis endlich jemand öffnete. Fritz konnte seinen Bruder Ernst erkennen und hörte ihn schreien: „Meine Güte! Was machen Sie für einen Lärm? Meine Mutter liegt krank im Bett. Schneller ging‘s nicht.“

Höflich nahm der ältere der beiden Männer seinen Hut und bat um Entschuldigung. Dann betraten sie das Haus.

Ein mulmiges Gefühl stieg in Fritz auf. Er rutschte von seinem Sitzpfahl herunter und eilte zum Haus. Als er die Haustür öffnete und die beiden Männer erkannte, die dort in der Diele standen, erfuhr er auch den Grund für seine Unruhe.

„Herr Bürgermeister. Und Herr Knorz. Was wollen Sie schon wieder?“ Fritz hatte Mühe, die Fassung zu wahren. Der Bürgermeister besuchte die Leute meistens nur dann, wenn es Ärger gab. Besonders wenn es mit diesem Herrn Knorz zu tun hatte. Er war in der Gegend eine Art Großgrundbesitzer, dem fast das ganze Land hier gehörte.

„Junger Mann.“ Der Bürgermeister versuchte höflich zu klingen. „Es liegt uns fern, Ihrer Familie Schwierigkeiten zu bereiten, aber …“

„Dann lassen Sie’s!“ platze es aus Ernst heraus. Obwohl Ernst zwei Jahre jünger als Fritz war, glich seine große Klappe das gründlich aus.

„Kinder! Bitte benehmt euch! Die Herren tun doch nur ihre Arbeit.“ Fritz‘ Mutter quälte sich mühsam von der Küche ins Wohnzimmer. Man brauchte kein Arzt zu sein, um zu sehen, dass es ihr wirklich schlecht ging. Maria, Fritz‘ Schwester half ihrer Mutter zum Esstisch. „Danke, Liebes. Es geht schon.“ An die Männer gewandt, fuhr sie fort. „Entschuldigen Sie bitte. Nehmen Sie doch Platz!“

Während der alte Bürgermeister sich zaghaft niederließ, riss Herr Knorz seinen Stuhl mit einem kräftigen Ruck zurück ließ sich geräuschvoll plumpsen.

„Meine sehr geschätzte Frau Müller“, begann der Bürgermeister. „Wie geht es Ihnen? Sie scheinen mir noch immer recht krank zu sein.“

Fritz‘ Mutter richtete sich stöhnend auf. „Ja, nun … es … es … geht schon.“

„Mutter!“ riefen Maria und Ernst zugleich laut aus. „Sag ihnen die Wahrheit!“

„Die Wahrheit?“ Herr Knorz hob die Augenbrauen.

Fritz ließ sich auf einen der freien Stühle am Tisch sinken und legte den Kopf auf den Händen ab. „Die Wahrheit ist, dass alles Mist ist.“

„Was soll das heißen?“ fragte Herr Knorz barsch nach.

„Gestern war der Arzt bei uns und hat Mutter untersucht. Er meinte … es stehe sehr schlecht um sie. Er könne kaum noch etwas für sie tun.“

„Hmpf.“

„Es tut mir sehr leid, das zu hören, Frau Müller.“ Der Bürgermeister versuchte mehr als recht sein Mitgefühl auszudrücken. „Gibt es etwas, das wir für sie tun können?“

„Soll das ‘nen Witz sein?“ Ernst hatte seine Fassung längst verloren. „Halten Sie uns diesen Geier vom Hals!“ Damit zeigte er auf Herrn Knorz.

„Na hör mal, du frecher Bengel!“ Wutschnaubend sprang Herr Knorz auf und drohte Ernst mit dem Finger. „Ich bin der Besitzer des Landes. Deine Eltern haben das Land gepachtet. Wer die Pacht nicht zahlen kann, muss eben ausziehen.“

Jetzt konnte sich auch Fritz nicht mehr zurückhalten. „Jetzt kommen Sie mal wieder runter! Wir haben uns alle Mühe gegeben, haben getan, was wir konnten. Doch leider gab es in der letzten Saison kaum Regen und zu viel Sonne, die hat die ohnehin schon kargen Böden noch mehr ausgetrocknet. Seit Wochen ist alles knochenhart gefroren. Sollen wir’s uns vielleicht aus den Rippen schneiden?“

In diesem Moment stöhnte Fritz‘ Mutter. „Ich … ich muss mich wieder ausruhen. Maria, hilfst du mir?“

„Also wirklich. Das muss ich mir nicht anhören.“ Empört verließ Herr Knorz das Haus und schlug die Tür hinter sich zu.

„Hm … hm …“, tief betroffen erhob sich der Bürgermeister. Er nahm seinen Hut in die Hand und verbeugte sich zur Verabschiedung ein wenig. „Es tut mir wirklich sehr leid. Ich werde dennoch sehen, was ich tun kann. Auf Wiedersehen!“

* * *

Herr Müller lehnt sich zurück und nippt an seinem Tee.

„Jetzt sagen Sie nicht, das war’s schon wieder?“ Paul nervt es tierisch, nicht zu wissen, wie die Dinge sich entwickeln. „Ich kann schon kein Buch zur Seite legen, ehe ich durch bin. Sie erzählen so spannend von einer wahren Begebenheit.“

„Hm …“ Herr Müller schien nachzudenken. „Nein. Für heute ist es genug. Ich muss mich etwas ausruhen. Nächsten Sonntag wieder, in Ordnung?“

„Ja, natürlich“, nickt Sarah. „Dafür haben wir doch Verständnis. Nicht wahr?“ Dabei schaut sie Paul ernst an.

„Äh, klar. ‘türlich“, stottert er ganz verlegen.

Diesmal schweigen sie eine ganze Weile auf dem Nachhauseweg.  Wahrscheinlich denken sie darüber nach wie es wäre, wenn ihre Eltern schwer krank oder gar im Krieg verschollen wären.

„Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, ohne meinen Vater zu sein und Mutter krank im Bett liegen zu sehen“, murmelt Sarah seufzend. „Schrecklich!“

 

Fortsetzung folgt …


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