Adventskalender 2021

Die Ferien hatten endlich begonnen. Paul und seine Freunde Sarah, Dominik und Samuel schauten dem Weihnachtsfest in diesem Jahr besonders entspannt entgegen. So viele coole Geschenke und sogar schon mehrere Tage vorher alles fertig.

Heute ist nun ein Tag vor Weihnachten. Doch Sarah hat die ganze Zeit ein mulmiges Gefühl im Bauch. Sie kann es nicht erklären, aber irgendetwas stimmt nicht. Sie ruft ihre Freunde an und bittet um ein Treffen. Kurze Zeit später sind Samuel, Dominik und Paul zur Stelle. "Nun erzähl doch mal, Sarah. Worum geht's?"

"Tja ... das ist es ja gerade. Ich kann es nicht sagen. Seit gestern muss ich ständig an Herrn Müller denken und hab dabei so ein komisches Gefühl im Bauch."

Paul überlegt. "Machst du dir Sorgen um ihn, weil er sich letzte Woche so schwach gefühlt hatte?"

"Vielleicht ... weiß nicht. Würdet ihr mit mir mal mitkommen, um nach ihm zu schauen?"

Die Jungs stimmen zu und so machen sie sich an diesem Nachmittag auf den Weg.

Sie sind noch ein ganzes Stück entfernt als Samuel eine Feststellung macht. „Sagt mal, kommt mir das nur so vor oder ist der Bahnhof heute ziemlich dunkel?“

Paul schaut auf die Uhr und nickt. „16 Uhr. Um diese Zeit ist dort eigentlich schon alles hell erleuchtet. Komisch.“

Mit einer inneren Unruhe erreichen sie den Bahnhof. Alles ist dunkel.

Der Gewohnheit nach klingelt Dominik. Doch nichts tut sich.

„Keiner da?“ murmelt Sarah traurig. „Das wundert mich aber. Herr Müller hätte uns doch Bescheid gegeben wenn etwas nicht in Ordnung ist, oder?“

Paul hat einen Zettel entdeckt, der an der Haustür befestigt worden war. „Schaut mal was ich gefunden habe. Ein Zettel. Er klebte an der Haustür.“

„Was steht drauf?“ erkundigte sich Samuel.

Paul schaltet die Lampe seines Handys ein und überfliegt die Notiz. Plötzlich wird er kreidebleich im Gesicht.

„Hey, Kumpel. Geht’s dir nicht gut?“ fragte Dominik irritiert.

„Herr Müller … hier steht … er musste ins Krankenhaus.“

Sarah reißt die Augen auf. „Oh nein!“

„Steht da wenigstens drauf, in welches Krankenhaus er eingeliefert wurde?“ erkundigt sich Samuel.

„Die Villsteiner Stadtklinik.“

„Tja, also“, überlegt Samuel, „dann schlage ich mal vor, dass wir einen Krankenbesuch machen.“

Die anderen sind einverstanden und so machen sie sich auf den Weg zurück in die Stadt. Das Krankenhaus ist schnell gefunden. An der Anmeldung erkundigen sie sich nach Herrn Müller und werden in den zweiten Stock geschickt.

„Kardiologie“, liest Dominik auf dem Eingangsschild und hebt die Schultern.

Samuel erklärt: „Herr Müller hat offenbar Probleme mit dem Herzen.“

„Au Backe!“ entfährt es Sarah. „Du meinst … ein Herzinfarkt? Meine Oma hatte mal einen. Danach hat sie lange gebraucht, um sich wieder zu erholen.“

„Weiß nicht.“ Samuel schüttelt langsam den Kopf und öffnet die Tür.

Gleich gegenüber des Eingangs befindet sich ein Tresen, hinter dem eine angestrengt wirkende Schwester sitzt, wild telefoniert, Zetteln schreibt und gleichzeitig am Computer herumtippt.

„Och, die Ärmste“, seufzte Sarah und geht voran. Sie wartet geduldig, bis das Telefonat beendet ist und die Schwester ihre Notizen fertiggeschrieben hat.

Dann schaut die Krankenschwester erwartungsvoll auf.

Sarah lächelt und sagt freundlich: „Wir wünschen Ihnen einen gesegneten Heiligabend!“

„Uff … ach ja … habt vielen Dank!“ Fast ein wenig erleichtert sinkt die Krankenschwester in ihren Stuhl. Offensichtlich ist sie sehr gestresst. „Wie kann ich euch helfen?“

Sarah streicht sich durchs Haar und sagt ruhig: „Es tut mir sehr leid, dass Sie an diesem Tag, der doch eigentlich festlich und gemütlich sein sollte, so viel Stress haben.“

„Ach, na ja“, winkt die Krankenschwester ab, „ist doch mein Job. Aber du hast schon recht. Heute ist extrem viel los hier. Der einzige Lichtblick ist …“, sie macht eine Pause.

„Ja …?“ fragt Paul neugierig nach.

„… ach wisst ihr, vor einigen Tagen wurde ein älterer Herr eingeliefert. Obwohl es ihm nicht besonders gut geht, kümmert er sich um das Krankenpflegepersonal. Ich mein … das ist schon verrückt. Er ist der Patient und doch ist er … für uns da. Einfach so. Er hört uns zu, erzählt interessante Geschichten und …“

„Sprechen Sie von Herrn Fritz Müller?“ platzt Dominik ihr in den Satz.

Die Krankenschwester stutzt. „Äh, ja. Genau. Ihr kennt ihn?“

Samuel grinst. „Das kann man so sagen, ja. Wir sind hier, um ihn zu besuchen.“

„Moment mal.“ Die Krankenschwester hebt eine Augenbraue. „Wie heißt ihr?“

Sarah stellt sich und ihre Freunde vor. „Mein Name ist Sarah und das sind meine Freunde Paul, Dominik und Samuel.“

„Ach gut. Wenn das so ist – ihr werdet schon erwartet. Herr Müller hat mir nämlich aufgetragen, euch zu ihm zu führen, sobald ihr kommt. Ich hatte ihn noch erstaunt gefragt, woher er so genau wisse, dass ihr kommen würdet. Er war sich absolut sicher. Nun denn, hier seid ihr. Dann kommt mal mit. Ach ja, ich bin übrigens Schwester Petra. Es ist gar nicht weit.“ Als sie das sagte, lächelte sie sogar ein wenig. Jetzt führt sie die vier Freunde einen breiten Gang entlang.

Mit gemischten Gefühlen nähern sie sich dem Zimmer. Sie biegen einmal ab und dann klopft Schwester Petra an der Tür mit der Nummer 2-7.

„Ja, bitte?“

„Hallo Fritz. Sehen Sie mal, wen ich mitgebracht habe.“

„Ahh, ich freue mich sehr, dass ihr den Weg zu mir gefunden habt. Ich … war mir nicht sicher, ob ich schnell genug wieder gesund würde. Ihr müsst wissen – ich hatte einen Herzinfarkt.“

Sarah holt tief Luft und hält die Hand vor den Mund. Inzwischen verließ Schwester Petra das Zimmer wieder.

„Bitte seht es mir nach, dass ich mich noch nicht bei euch gemeldet habe.“

„Aber, Herr Müller!“ Samuel schüttelte vehement den Kopf. „Das ist doch absolut keine Frage. Das verstehen wir doch absolut. Wir wollen Sie auch nicht zu sehr anstrengen und nur mal nach Ihnen schauen.“

„Seid doch so lieb und setzt euch, ja? Ich bin zwar noch sehr schwach aber die Geschichte hab ich euch versprochen.“

Etwas unsicher suchten sich alle einen Platz und schauten erwartungsvoll auf Herrn Müller – ihren persönlichen Geschichtenopa.

„Nun denn. Wenn ich mich recht entsinne, hatten die zwei Brüder Ernst und Fritz gerade Helene, die Tochter des Landbesitzers Knorz aus dem See gerettet. Wie ging es gleich weiter …!?

 

* * *

 

Ernst und Fritz begleiteten Helene zu sich nach Hause. Als sie die Tür öffneten, kam ihnen ihre Schwester Maria entgegen. Sie riss die Augen auf. „Helene? Was ist denn mit dir passiert?“

„I…ich … bbbb bin … in ddden Ssseee …“ Sie hatte Mühe normal zu sprechen und zitterte noch immer am ganzen Körper. „… innnns Eieieisss ...“

Fritz half ihr. „Sie ist im Waldsee auf dem Eis unterwegs gewesen und eingebrochen.“

„Und wir haben ihr den Arsch gerettet!“ grunzte Ernst.

Zitternd schaute Helene Ernst durch ihre triefnassen Stränen an. Sie brachte kein Wort heraus. Doch ihre Augen schienen sich entschuldigen zu wollen.

Inzwischen kam Mutter herzu. „Kinder – was ist denn hier los?“ Noch ehe jemand antworten konnte, erkannte sie Helenes Zustand. „Kind, du musst dringend aus den nassen Sachen raus. Maria, hilf mir bitte!“

Maria führte Helene ins Schlafzimmer.

„Warum ist Helene klatschnass?“ erkundigte sich Mutter bei den Jungs, die ihr die ganze Geschichte erzählten. „Also, wenn das so ist … Jungs – ich bin sehr stolz auf euch. Ihr habt einen guten Charakter. Fritz, du machst bitte Wasser heiß und bereitest ein Fußbad vor. Ernst, du holst bitte zwei dicke Wolldecken und bringst sie ins Wohnzimmer. Schau auch gleich nochmal nach dem Kachelofen. Vielleicht legst du noch ein paar Kohlen nach.“

„Mutter“, fragte Fritz irritiert. „Geht es dir plötzlich wieder besser?“

In diesem Augenblick kommt Maria gerade vorbei und hat wohl mitgehört. „Ich weiß auch, warum. Eine Nachbarin hat uns vorhin ganz aufgeregt mitgeteilt, dass alle Familien im Dorf noch heute Abend – also an Heiligabend – ein Paket von der Front bekommen.“

„Ein Paket!“ erwiderte Ernst gleichgültig.

Dann hellte sich Marias Gesicht merklich auf, ihre Augen begannen zu glühen und sie erklärte feierlich: „Das ist Papa. Ganz bestimmt. Ich habe ganz oft dafür gebetet, dass er wieder heil nach Hause kommt. Und heute Abend erfüllt Gott uns diesen sehnlichsten Wunsch.“

Fritz stand reglos da und konnte nicht glauben, was seine kleine Schwester so siegessicher sagte. „Aber …“

„Nichts aber. Ich bin mir ganz ganz ganz sicher. Ich weiß es einfach. Hier drin.“ Dabei nahm sie Fritz‘ Hand und legte sie auf ihr Herz.

Fritz schaute in Marias Gesicht und schluckte einen dicken Kloß hinunter. Bei sich selbst dachte er: „Was, wenn er nicht kommt?“

Doch er konnte den Gedanken nicht weiterdenken, weil Maria schon wieder fröhlich davonhüpfte und trockene Kleidung für Helene suchte.

Kurze Zeit später hatten sie den alten Sessel, den ihr Opa einst gebaut hatte, vor den Kamin geschoben, Helene in dicke Wolldecken gewickelt daraufgesetzt und ihre Füße in warmes Wasser gesteckt. Maria hatte ihr sogar noch einen Tee gemacht, den sie gerade vorsichtig ins Wohnzimmer balancierte.

Da kam Bernhard endlich von seiner Verkaufstour – wie sie es nannten – zurück. „N’Abend!“

„Hallo, mein Junge. Wie ist es dir ergangen?“ Mutter umarmte ihren Zweitältesten.

„Darf ich noch kurz Luft holen?“ witzelte er, der keine Ahnung davon hatte, was in den letzten Tagen hier ablief.

Seine Mutter löste die Umarmung. „Du magst noch immer keine Körpernähe? Schade. Aber gut. Komm doch mit in die Wohnstube und erzähl uns alles.“

Als er Helene entdeckte, schaute er seine beiden Brüder irritiert an. Die schüttelten nur den Kopf. Dann berichtete Bernhard von seiner kleinen Reise.

„Waaas? 40 Nähaufträge?“ schrie Ernst verblüfft. „Das ist ja irre. Wahnsinn.“

Mutter hielt die Hand vor den Mund und hatte mit den Tränen zu kämpfen. „Vielen Dank, Hardy. Vielen Dank, unser lieber Herr Jesus!“

Maria saß dabei, stupste Fritz an und flüsterte ihm ins Ohr: „Siehst du? Gott erhört Gebet!“

„Ja …“, war alles, was er gerade herausbrachte.

Während Helene sich wieder aufwärmte und Bernhard noch mehr von den Erlebnissen der letzten Tage berichtete, nahm Mutter ihren Großen zur Seite. „Fritz, ich muss dich leider noch einmal losschicken. Du musst zum Anwesen von Herrn Knorz gehen und ihm Bescheid geben, dass seine Tochter wohlbehalten bei uns ist.“

Fritz nickte. Wortlos machte er sich auf den Weg. Als er schon einige Schritte gegangen war, schaute er sich noch einmal um und sah seine Schwester aufgeregt vorm Fenster herumhüpfen. Fritz schüttelte mit dem Kopf. „Armes Kleines …“

* * *

 

Herr Müller schnaufte. "Hui ... das strengt mich doch ganz schön an."

"Wie wäre es", überlegt Sarah, "wenn wir morgen wiederkommen? Sie ruhen sich erst einmal aus und erzählen uns die Geschichte morgen zu Ende."

"Danke, Sarah. Das ist eine gute Idee."

"Okay, dann kommt, Leute! Lassen wir Herrn Müller sich ausruhen."

"Bis morgen, Kinder!"

"Machen Sie's gut, Herr Müller."

 


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